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Interview mit Patrick Bruel

Patrick Bruel

Mit dem Stück „Der Vorname“ sind Sie auf die Bühne zurückgekehrt. Gleich im Anschluss haben Sie die Filmversion gedreht.

Als ich das Stück erstmals las, war mir sofort klar, dass wir auch den entsprechenden Film drehen würden. Während ich auf der Bühne stand, habe ich oft überlegt, wie wir das in der Kinoversion umsetzen und welche verschiedenen Optionen sich durch den Film ergeben würden. Der Film hält sich eindeutig eng an die Vorlage, aber dank der Freiheit, die sich durch die Kamera ergibt, schafft das Kino eine andere Art Intimität. Der Blickwinkel verlagert sich – deshalb müssen wir uns neu erfinden, einen anderen Rhythmus entwickeln, obwohl die Emotionen, die wir darstellen, die gleichen bleiben.

Was hat Sie derart an dieser Geschichte gereizt?

Anfangs schafften wir es nie, auch nur einen Satz zu Ende zu sprechen, weil wir vor Lachen ständig losprusteten. Bei der ersten Leseprobe mit meinen Bühnenkollegen und in Anwesenheit der Autoren und unserer Agenten machte ich mir schließlich schon Sorgen: Ich brachte es wirklich nicht fertig, die Dialogzeilen zu beenden. Die Stärke der Geschichte liegt in ihrer zeitlosen Allgemeingültigkeit – das empfanden wir alle so. Es bedarf nur einer Anekdote, eines Satzes, einer blöden Bemerkung zwischen Freunden oder Verwandten beim Essen, und schon bricht ein Sturm los. In dieser speziellen Gruppe ist zu viel zu lange unausgesprochen geblieben. Man lebt so neben seinen Freunden und Verwandten her, ohne sich mit ihnen auseinanderzusetzen oder ernsthafte Gespräche zu führen. Als Vincent an diesem Abend zum Essen bei seiner Schwester eintrifft, ist er wie üblich gut gelaunt. Er will seinen Spaß haben, aber diesmal übertreibt er etwas. Und das löst den Konflikt aus, der ihnen über die Köpfe wächst. Im Konzept und in der Entwicklung von „Der Vorname“ sind viele unterschwellige Elemente angelegt, die ein Spiegelbild unserer Gesellschaft zeigen. Das ist sehr gut beobachtet, lustig, intelligent, grausam und manchmal auch brutal.

Die Bühneninszenierung lebte ganz eindeutig von dem Zusammenhalt des Ensembles. Beim Film fällt auf, dass dieser feste Zusammenhalt fast körperlich spürbar ist, obwohl Charles Berling erst später zum Team stieß.

Dieses kollektive Abenteuer war eine sehr erfreuliche Erfahrung. Wir bildeten wirklich ein homogenes Ensemble – tatsächlich hätte es anders gar nicht funktioniert. Laut Story spielen wir Freunde, die sich seit 30 Jahren kennen und eine echte Familie bilden. Das muss man auch auf der Leinwand spüren, das geht weit über das einfache Zusammenspiel von Schauspielern hinaus. Und es stimmt: Wir kommen alle gut miteinander aus. Auf der Bühne gab es in den 250 Vorstellungen nie ein Problem – stets bemühten wir uns um Verbesserungen und Weiterentwicklungen, wir unterstützten uns gegenseitig. Die Dreharbeiten gründeten sich auf dieselbe Dynamik. Charles kam unterwegs ins Team und brachte eine neue Perspektive ein – er wurde sofort in die Gruppe integriert. Wir verstehen uns blendend – es war wunderbar, mit ihm aufzutreten.

Sie spielen den erfolgreichen Vincent, der über Geld, Macht und Charme verfügt. Merkwürdigerweise sind das Attribute, mit denen man oft auch das Leben des Patrick Bruel beschreibt.

Stimmt das? (lacht) Wir alle werden in Schubladen gesteckt – ob uns das passt oder nicht. Das sollte man mit Humor nehmen, und das versuche ich zusammen mit den Regisseuren. Wir haben mit diesen Klischees gespielt, vor allem bei der Vorstellung der Figur am Anfang des Films. Vincent wirkt sehr von sich überzeugt, fast schon arrogant, aber ich versichere Ihnen, dass dies nicht so bleibt. Später muss er dafür reichlich einstecken. Das Interessante an dieser Geschichte: Jeder ist mal Henker, mal Opfer.

Wie haben Sie die Figur angelegt? Beziehen Sie sich dabei auf Menschen, die Sie kennen oder die Ihnen begegnet sind? Oder ist Vincent ein Abbild Ihrer selbst?

Ich sah keinerlei Ähnlichkeit zu mir, aber seit zwei oder drei Freunde mich darauf hingewiesen haben, dass es so ist, muss ich das entweder zugeben oder mir neue Freunde suchen. (lacht) Tatsächlich ist der Vincent so präzise charakterisiert, dass ich mich von dem mitreißen lasse, was die Autoren sich ausgedacht haben. Ich habe mir nur vorgenommen, dass Vincent anrührend und sympathisch bleiben muss – sonst wäre er unerträglich. Glücklicherweise verfügt er über genug Charme, um seine Macken aufzuwiegen. Wahrscheinlich war er als Kind das Schoßkind seiner Eltern und hat sich im Grunde immer eine Autoritätsperson gewünscht, an der er sich reiben kann. Diese Autorität verkörpert Anna, die er sich als Ehefrau ausgesucht hat. Sie ist anders als die anderen, eine starke Persönlichkeit, sie weiß, wie sie ihn zügeln kann.

Die Rolle des Vincent passt sehr gut zu Ihnen. Würden Sie sagen, dass sie in Ihrem Leben und in Ihrer Karriere gerade zum richtigen Zeitpunkt kam?

Eine solche Rolle käme für jeden und jederzeit zum richtigen Zeitpunkt. Das ist ein wahres Geschenk. Mein einziger Beitrag besteht darin, dass ich mir die Rolle nicht habe entgehen lassen. Ich freue mich sehr darüber, dass der Film genauso gut funktioniert wie das Stück. Die Regisseure Matthieu und Alexandre sind klug genug, um sich perfekt auf das andere Medium einzustellen. Dies ist ihr erster gemeinsamer Film, und sie haben sich bis ins kleinste Detail, bis zur letzten Nuance bestens vorbereitet. Wir Schauspieler haben das Projekt begleitet. Ich war da, als sie mich brauchten, ich habe meine Meinung eingebracht, einige Vorschläge gemacht – ob sie nun gut waren oder nicht. Die beiden schaffen es, mit ihrem Enthusiasmus das gesamte Team anzustecken – die Mitarbeiter, die Produzenten und Verleiher. Das Resultat sieht wirklich nicht wie ein Debütfilm aus – es ist sehr ausgereift. Ich bin schwer beeindruckt.

Angesichts Ihrer Erfahrung, Karriere und Ihrer Stellung in der Entertainmentbranche fiel dem Team immer wieder auf, wie flexibel sie auf spontane Ideen reagieren.

Es geht doch darum, sich in den Dienst des Projekts zu stellen. Am Filmset interessiert mich nicht nur, was mich persönlich und meine Rolle betrifft. Ich stelle mich dem Regisseur, seinen Träumen und Fantasien zur Verfügung – das empfinde ich als außerordentliches Privileg. Als Sänger bin ich völlig auf mich gestellt: Ich entscheide allein über den Bühnenauftritt, ich bestimme die Reihenfolge der Chansons, ich suche die Konzerthalle aus. Da geht es nur um mich! Wie soll ich mich also therapieren, wenn ich mich nicht wenigstens in einem Bereich unterordne? (lacht) Mir machen die Dreharbeiten wirklich Spaß, ich lerne immer etwas Neues dazu, die Begegnung und der Austausch mit anderen bereichert mich. Zum Beispiel interessieren mich ganz besonders die technischen Aspekte: die Objektive, die Kamerawinkel, die Regieanweisungen für die Darsteller. Vielleicht werde ich eines Tages …

… selbst einen Film inszenieren?

Ja, wenn sich ein Projekt ergibt, das ich einfach machen muss. Es wäre sinnlos, einen Film nur um seiner selbst willen zu drehen. Es müsste für mich schon das Bedürfnis entstehen, eine bestimmte Botschaft zu transportieren, eine Geschichte zu erzählen, die mir schlaflose Nächte bereitet. Eine vage Idee reicht dabei nicht aus. Ich habe viele meiner Musikvideos selbst geschnitten, einige sogar selbst gefilmt, aber dadurch bin ich nicht automatisch schon ein Regisseur.

Der Interview-Band „Conversation“ gemeinsam mit Claude Askolovitch, dann „Der Vorname“, außerdem ein neues Album und eine Tournee – ist 2012 ein Meilenstein in Ihrer Karriere?

Ja, ich bin ständig sehr beschäftigt – vielleicht zu sehr. Aber all das bringt mir nach wie vor Spaß. Ich kenne keinen Überdruss, ich bleibe neugierig und enthusiastisch. Ich führe ein ausgefülltes professionelles Leben und verbringe viel Zeit mit meinen Kindern. Ich muss nur lernen, mich auch einmal der Muße hinzugeben, aber darum geht es ja in dem Buch. (lacht) Bereits als 15-Jähriger bin ich nie ein Faulpelz gewesen. Was schade ist, denn das wäre doch eigentlich ein tolles Leben: spät aufstehen, einen Film anschauen, sich mit Freunden zum Lunch treffen, einen trinken gehen, lesen …

Weil Sie Ihre Kinder erwähnen – erinnern Sie sich, wie Sie ihre Namen ausgesucht haben?

Darüber gab es keinen Streit! Ich habe schnell begriffen, dass man besser vorher gar nichts sagt. Anschließend kann als schlimmster Kommentar nur kommen: „Gar nicht schlecht!“ Das sagen Leute, die den Namen total ablehnen. Bei meinen beiden Kindern ist es tatsächlich genauso abgelaufen: Ich habe ein Buch mit Vornamen durchgeblättert. Wir stießen auf Oscar, schauten uns an – der musste es sein. Zwei Jahre später lief das bei Léon genauso. Unser einziges Kriterium war, dass es von den Namen keine Koseform geben sollte – das hasse ich. Unser Vorname ist die erste Last, die wir tragen müssen – sie ist mal schwerer, mal leichter und sagt einiges über uns aus. Beim Vorstellen meines Buches bin ich kürzlich als Sänger in Lyon aufgetreten. Da tauchte eine Dame auf und bat mich, beim Signieren die Namen ihrer fünf Kinder ins Buch zu schreiben – die Namen hätten Sie mal hören sollen! Der erste war Enguerran, und das war noch der einfachste! Ich habe ihr empfohlen, den Film mit ihren Kindern zusammen anzuschauen.